Luke MichelsFed hält still, EZB zieht an: Die große Zins-Divergenz zwischen den USA und Europa

Während die US-Notenbank unter ihrem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh den Leitzins bereits zum vierten Mal in Folge unverändert lässt, hat die EZB ihre Zinsen im Juni überraschend deutlich angehoben. Steigende US-Renditen und hartnäckige Inflationserwartungen zeigen, wie unterschiedlich die beiden Notenbanken auf die aktuelle Lage reagieren.
- Fed beließ Leitzins am 17. Juni zum vierten Mal in Folge bei 3,50 bis 3,75%, einstimmig mit 12:0 Stimmen
- Median-Dot-Plot signalisiert 3,8% für Ende 2026, Spielraum für Zinssenkungen ist verschwunden
- CME FedWatch sieht 77,7% Wahrscheinlichkeit für Zinspause am 29. Juli
- Inflationserwartung für 1 Jahr bei 3,7%
- EZB hob am 11. Juni alle drei Leitzinsen um je 25 Basispunkte an, Einlagensatz nun bei 2,25%
Zwei große Notenbanken, zwei gegensätzliche Wege: Während die US-Notenbank Fed ihren Leitzins bereits zum vierten Mal in Folge unverändert lässt, hat die Europäische Zentralbank im Juni überraschend deutlich nachgelegt. Am 17. Juni beließ die Fed, erstmals unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh und diesmal einstimmig mit 12 zu 0 Stimmen, den Zielkorridor bei 3,50 bis 3,75 Prozent. Nur wenige Tage zuvor, am 11. Juni, hatte die EZB nach einer längeren stabilen Phase alle drei Leitzinsen um jeweils 25 Basispunkte, also 0,25 Prozentpunkte, angehoben, als Reaktion auf gestiegene Inflationsrisiken durch höhere Energiepreise und geopolitische Unsicherheiten. Der Einlagensatz der Eurozone liegt seither bei 2,25 Prozent.
Verschwindet der Spielraum für US-Zinssenkungen?
Besonders bemerkenswert ist der Blick auf den Median-Dot-Plot der Fed, jene Prognosetabelle, in der die einzelnen Notenbank-Mitglieder ihre Zinserwartungen abbilden. Er signalisiert nun 3,8 Prozent für Ende 2026, ein Niveau, das den zuvor angedeuteten Spielraum für Zinssenkungen faktisch verschwinden lässt. Passend dazu preisen die Terminmärkte laut CME FedWatch, einem Markttool zur Berechnung der von Investoren erwarteten Zinsentscheidungen, mittlerweile eine Wahrscheinlichkeit von 77,7 Prozent dafür ein, dass die Fed die Zinsen auch bei ihrer nächsten Sitzung am 29. Juli unverändert lässt. Zudem haben Geldmärkte ihre Wette auf die nächste Zinsbewegung von Dezember auf Oktober vorgezogen, allerdings ohne dass damit automatisch eine Senkung gemeint sein muss.
Was die Anleihemärkte bereits einpreisen
Dass die Fed vorerst keine Eile bei Zinssenkungen zeigt, spiegelt sich deutlich in den Anleihemärkten wider. Die 1-Jahres-Inflationserwartungen liegen bei 3,7 Prozent, spürbar über dem Zielwert der Notenbank. Diese hartnäckigen Inflationssorgen erklären, warum die Fed derzeit wenig Anlass sieht, von ihrem restriktiven Kurs abzuweichen, während die EZB mit ihrer Zinsanhebung eher auf akute geopolitische und energiepreisbedingte Risiken reagiert.
Für die kommenden Wochen bleibt die Sitzung am 29. Juli der zentrale Termin, an dem sich zeigen wird, ob die Fed ihren Kurs der Zurückhaltung beibehält oder ob neue Daten das Bild verändern. Die Divergenz zwischen den beiden Notenbanken dürfte die Wechselkurs- und Anleihemärkte bis dahin weiter begleiten.