ROE, ROIC und ROA: Rentabilität von Unternehmen messen
Wie effizient ein Unternehmen das ihm anvertraute Kapital in Gewinn verwandelt, gehört zu den zentralsten Fragen der Aktienanalyse. Drei Kennzahlen liefern die Antwort aus unterschiedlichen Blickwinkeln: ROE (Eigenkapitalrendite), ROIC (Rendite auf das investierte Kapital) und ROA (Gesamtkapitalrendite).
Dieser Artikel erklärt alle drei Kennzahlen, zeigt ihre jeweiligen Formeln und macht anhand von Beispielen deutlich, warum eine hohe Eigenkapitalrendite allein noch keine gute Investition bedeutet, und welche Kennzahl deshalb oft die aussagekräftigere ist.
ROE: Die Eigenkapitalrendite
Return on Equity (ROE) = Nettogewinn geteilt durch Eigenkapital. Die Kennzahl zeigt, wie viel Gewinn ein Unternehmen aus dem Kapital erwirtschaftet, das den Aktionären gehört. Ein ROE von 20 Prozent bedeutet: Für jeden Euro Eigenkapital erwirtschaftet das Unternehmen 20 Cent Jahresgewinn.
Der ROE ist die am häufigsten zitierte Rentabilitätskennzahl, hat aber einen entscheidenden blinden Fleck: Er berücksichtigt nicht, wie viel Fremdkapital zusätzlich zum Eigenkapital im Spiel ist. Ein Unternehmen kann seinen ROE allein durch mehr Schulden erhöhen, ohne dass die operative Leistung besser wird, ein Effekt namens finanzieller Hebel.
Zwei Firmen mit identischer operativer Qualität können deshalb sehr unterschiedliche ROE-Werte zeigen, einfach weil eine mit mehr Fremdkapital arbeitet. Ein hoher ROE ist deshalb positiv zu werten, verdient aber immer den Blick auf die Verschuldung daneben.
ROIC: Die ehrlichere Kennzahl
Return on Invested Capital (ROIC) = operatives Ergebnis nach Steuern (NOPAT) geteilt durch das investierte Kapital, also Eigenkapital plus zinstragende Schulden. Weil sowohl Eigen- als auch Fremdkapital im Nenner stehen, lässt sich der ROIC nicht durch bloße Verschuldung aufblähen, er misst die reine operative Kapitaleffizienz.
Der ROIC beantwortet die Frage, die Warren Buffett und viele wertorientierte Investoren für die wichtigste überhaupt halten: Wie viel Rendite erwirtschaftet das Unternehmen auf JEDES eingesetzte Kapital, egal ob von Aktionären oder Gläubigern? Ein ROIC deutlich über den Kapitalkosten des Unternehmens (meist 8 bis 10 Prozent) zeigt echte Wertschöpfung.
Liegt der ROIC dauerhaft unter den Kapitalkosten, vernichtet das Unternehmen faktisch Wert, selbst wenn es nominal Gewinn ausweist, denn das eingesetzte Kapital hätte anderswo mehr erwirtschaften können. Diese Lücke zwischen ROIC und Kapitalkosten gilt vielen Analysten als eine der aussagekräftigsten Qualitätskennzahlen überhaupt.
ROA: Die Gesamtkapitalrendite
Return on Assets (ROA) = Nettogewinn geteilt durch die Gesamtbilanzsumme (alle Vermögenswerte). Der ROA zeigt, wie effizient ein Unternehmen seine gesamten Vermögenswerte nutzt, unabhängig davon, ob sie durch Eigen- oder Fremdkapital finanziert wurden.
Der ROA ist besonders nützlich beim Vergleich kapitalintensiver Branchen wie Fluggesellschaften, Fertigung oder Banken, wo die Bilanzsumme stark variiert. Ein niedriger ROA bei einer Fluggesellschaft (oft unter 5 Prozent) ist normal und branchentypisch, ein ROA von 15 Prozent bei einem Softwareunternehmen mit wenig Sachanlagen ebenso.
Weil Bilanzsumme und Eigenkapital sich unterscheiden, liegt der ROA fast immer unter dem ROE eines Unternehmens, der Unterschied zwischen beiden zeigt indirekt, wie stark ein Unternehmen mit Fremdkapital arbeitet.
Die drei Kennzahlen im direkten Vergleich
Stell dir zwei Unternehmen mit identischem ROE von 25 Prozent vor. Unternehmen A hat kaum Schulden, sein ROIC liegt ebenfalls bei etwa 22 Prozent, sein hoher ROE stammt aus echter operativer Stärke. Unternehmen B hat hohe Schulden, sein ROIC liegt nur bei 9 Prozent, der hohe ROE kommt größtenteils vom finanziellen Hebel.
Ohne den Blick auf den ROIC würde ein Anleger beide Unternehmen fälschlich als gleich stark einstufen. Genau deshalb gilt: ROE zeigt die Rendite für Aktionäre, ROIC zeigt die tatsächliche operative Qualität, und ROA zeigt die Effizienz der gesamten Vermögensbasis. Alle drei zusammen ergeben ein vollständiges Bild.
Für die Praxis eine einfache Reihenfolge: Zuerst den ROIC über mehrere Jahre prüfen (ist er stabil über den Kapitalkosten?), dann den ROE zur Einordnung der Aktionärsrendite, und den ROA, um die Kapitalintensität der Branche einzuordnen. Wer nur eine Zahl betrachtet, übersieht leicht, wie diese zustande kam.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen ROE und ROIC?
Der ROE setzt den Gewinn nur ins Verhältnis zum Eigenkapital und kann durch mehr Fremdkapital künstlich erhöht werden. Der ROIC bezieht Eigen- und Fremdkapital gemeinsam ein und misst dadurch die tatsächliche operative Kapitaleffizienz, unabhängig von der Finanzierungsstruktur.
Was gilt als guter ROIC?
Ein ROIC deutlich über den Kapitalkosten des Unternehmens, meist 8 bis 10 Prozent, zeigt echte Wertschöpfung. Werte über 15 Prozent gelten als stark. Liegt der ROIC dauerhaft unter den Kapitalkosten, vernichtet das Unternehmen trotz ausgewiesenem Gewinn wirtschaftlich Wert.
Warum unterscheidet sich der ROA vom ROE?
Der ROA bezieht sich auf die gesamte Bilanzsumme (Eigen- plus Fremdkapital), der ROE nur auf das Eigenkapital. Da die Bilanzsumme größer ist als das Eigenkapital, liegt der ROA fast immer niedriger. Der Abstand zwischen beiden zeigt, wie stark ein Unternehmen mit Fremdkapital arbeitet.